Dienstag, 29. April 2014

Wo fängt eigentlich Sex an?

Kürzlich saß ich mit einem Menschen, der seine polyamore Fühl-Weise gerade neu entdeckt hat, in einer Bar. Zwischen uns beiden hatte sich schon kurz nach dem Kennenlernen eine intensive Spannung gebildet - von der positiven Sorte. Eine Art aufgeregtes, neugieriges Knistern in der Luft. Während mein Gegenüber mir über den Unterarm streichelte und ich es dabei bis zu den Fußspitzen kribbeln spürte, unterhielten wir uns über ein Thema, was mich schon öfter mal in Gedanken beschäftigt hat: Was genau zählt eigentlich alles zu "Sex"?

Zum Beispiel wenn mich jemand fragen würde "hattest du schonmal Sex mit [hier Name einfügen]?"... dann wäre ich in vielen Fällen unsicher, was ich antworten soll. Manchmal fände ich es aber auch eindeutig. Das heißt, es ist nicht völlig undefiniert in meinem Kopf, aber doch ziemlich schwammig. Und ich schätze, das geht nicht nur mir so.

Beim Nachdenken darüber ist mir aufgefallen, dass es zwei Richtungen gibt, aus denen heraus sich etwas bei mir zum Sex entwickeln kann. Wie zwei Skalen, auf denen ein höherer Wert auch die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass ich sagen würde "ja, das war eindeutig etwas sexuelles".

Das eine ist die Nähe, Intimität, Vertrautheit - der Weg der Entspannung. Wenn ich mich bei einem Menschen so wohl fühle, dass ich ihn körperlich sehr nah an mich heranlassen kann und sich das gut anfühlt. Eindeutig sexuell wäre dabei, für mich, dann eine Berührung in den Bereichen, die gemeinhin als intim betrachtet werden. Aber auch vorher kann es schon sein, dass ich nicht mehr klar sagen kann, es wäre gar nicht sexuell gewesen. Ein Beispiel was sich nicht so weit am Ende der Skala befindet, wäre da das Küssen. Wenn ich jemanden küsse, aber wir dabei angezogen sind und uns nicht im Intimbereich berühren - ist das dann schon was sexuelles? Nicht mehr so eindeutig...

Die Wahrscheinlichkeit steigt, dass ich auch "nur" Küssen als sexuell bezeichnen würde, wenn dabei gleichzeitig ein hoher Wert auf der zweiten Skala vorhanden ist. Die beiden schließen sich nicht gegenseitig aus, auch wenn sie auf den ersten Blick wie Gegensätze wirken. Sie treten oft (aber auch längst nicht immer) in Kombination auf.

Das zweite ist die Erregung, das Prickeln, das Abenteuer - der Weg der Spannung. Höchster Punkt und sehr eindeutig ist dabei der Orgasmus. Aber auch ohne Orgasmus kann etwas ganz deutlich zu Sex dazuzählen. Oder weniger deutlich. Auch hier kann ich keine klare Grenze ziehen. Das Beispiel oben zeigt es schon ganz gut: dieses scheinbar "harmlose" Streicheln über den Arm hat ein sehr intensives Gefühl ausgelöst. Mit schwindlig-fühlen und Schmetterlingen im ganzen Körper. Wesentlich intensiver als das Küssen mit dem selben Menschen - die Nähe-Skala hat da also nicht mitgewirkt.
Und das, obwohl ich die gleiche Berührung von jemand anderem vielleicht gar nicht als erregend empfinden würde, sondern einfach als freundschaftlich-zärtlich. Also einfach so zu sagen, dass das nun Sex gewesen wäre, käme mir auch komisch vor.
Mein Gesprächspartner in dieser Situation hat mir sogar ein Beispiel genannt, was noch schwerer einzusortieren ist: er habe einmal einem völlig fremden Menschen in der Straßenbahn nur kurz in die Augen gesehen, und beide seien höchst verwirrt gewesen davon, wie intensiv diese "Berührung" nur durch den Blick war.

Es gibt diejenigen, die sagen "Sex ist nur das klassische Rein-Raus-Spiel"... aber würde ich, die an Rein-Raus kaum Interesse hat, mit einem monoamoren Menschen "nur" gemeinsam nackt im Bett liegen und uns gegenseitig streicheln, dann würde sich der betrogene Partner dieses Menschen wohl zu Recht veralbert fühlen, wenn ich behaupten würde, wir hätten doch gar keinen Sex gehabt...

All diese Überlegungen führen mich nur zu einem Schluss: es ist alles andere als eindeutig, wo Sex eigentlich anfängt. Die Definition dafür wird wahrscheinlich im Kopf jedes Menschen eine andere sein. Vielleicht sollte ich deshalb - genau wie bei "zusammen sein" - aufhören, in so einer diffusen Kategorie zu denken und zu sprechen?
Denn letztendlich ändert es ja nichts an der Situation selbst, ob ich sie nun als Sex bezeichne oder nicht. Viel wichtiger ist doch, wie sie sich angefühlt hat. Und um das zu beschreiben, fehlen mir entweder komplett die Worte, oder ich brauche zumindest viel mehr als nur drei Buchstaben.

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Kommentare:

  1. Ich verstehe genau, was du meinst. Und du hast Recht, eindeutige Definitionen sind schwierig, v.a. weil sich ein und dieselbe Berührung bei einem Menschen wahnsinnig intim und bei einem anderen Menschen einfach nur vertraut anfühlen kann. An sich würde ich auch sagen, es ist egal, wie genau man es einstuft. Allerdings habe ich festgestellt, dass es manchmal schwer ist, gegenüber Menschen, die das nicht so differenziert sehen, in einem Satz zu erklären, was denn jetzt mit Person xy eigentlich läuft, weil einem da dann die typischen Schubladen fehlen.

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    1. Ja, ich finde es auch schwer das in einem Satz zu erklären. Wenn mich jemand fragt "was läuft da zwischen euch?" dann antworte ich meist mit Gegenfragen... um herauszufinden worauf es dem Fragenden ankommt. Je genauer die Frage, desto eher komme ich ohne pauschal-Antworten aus.

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  2. Man muß ja schon mal unterscheiden zwischen Liebe und Sex. Sex ist für viele immer noch etwas was irgendwo zwischen schlecht und verboten ist. Leider wird man immer noch in eine Ecke gedrängt, wenn man nur sagt man hat eine Porno DVD sich angesehen. Schon ist man ein Verbrecher. Und Liebe soll ja etwas reines sein. Also darf man Liebe machen, aber keinen Sex haben

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