Donnerstag, 17. April 2014

Ziellos liebt sich's schöner

(Bild: Pedroalmovar)


Dass es außer Unglücklichsein nichts bringt, besondere Erwartungen an bestimmte Menschen zu haben, das habe ich ja neulich schon beschrieben. Und in den letzten Tagen ist mir aufgefallen, dass ich noch einen Schritt weiter gehen möchte.
Nicht nur keine Erwartungen (im Sinne von Ansprüchen an andere Menschen wie "wenn du mich wirklich liebst dann wirst du auch [hier einfügen] für mich tun") haben, sondern mich auch möglichst von Wünschen bzw. Zielen befreien. Nicht komplett ("Ich wünsche mir eine ehrlichere, respekt- und vertrauensvollere Welt" finde ich immer noch gut) - aber da wo sich diese Ziele auf bestimmte Personen (und deren Entscheidungen anstatt meiner eigenen) beziehen, möchte ich sie loslassen.

Zum Beispiel gibt es eine Frau in meinem Freundeskreis, die ich ganz schön toll finde (also nicht nur eine, aber um eine bestimmte geht es jetzt gerade in dem Beispiel).
Und mir ist im Nachhinein aufgefallen, dass ich während der letzten paar Male, die ich sie getroffen habe, immer so den Gedanken im Hinterkopf hatte, dass ich gerne wissen würde ob sie genauso sehr auf mich steht, und dass ich ihr gerne irgendwann mal (bzw. möglichst bald) körperlich näherkommen würde. Und habe alle ihre Worte und Gesten (nicht nur, aber auch) in diesem Kontext interpretiert, immer überlegt "das macht mir Hoffnung" oder "oh schade, das klingt so als hätte sie da nicht so viel Interesse". Und dadurch, dass ich das alles ständig versucht habe, in den größeren Zusammenhang meines Ziels einzuordnen, habe ich zwei Nachteile bekommen:
  1. Dadurch, dass das "Gesamtbild" meines Ziels immer in meinem Kopf präsent ist, bin ich im jeweiligen Moment nicht komplett in der Gegenwart. Ich kann mich nicht mehr so gut auf den Moment einlassen und ihn dadurch weniger genießen, und auch meinem Gegenüber weniger volle Aufmerksamkeit schenken. Das mit dem Leben in der Gegenwart hatte ich eigentlich schon vor einiger Zeit kapiert (wie man hier und hier lesen kann), aber offenbar wurde es Zeit, mir das nochmal mehr ins Gedächtnis zu rufen. Weg mit den Zielen, die lenken mich nur von der Gegenwart ab!
  2. Dadurch, dass ich die aktuelle Situation dann ständig mit einem idealisierten Wunschbild vergleiche, bekommt selbst eine an sich wunderschöne Situation damit den negativen Beigeschmack von "es könnte besser werden". Wenn etwas mit meinem Ziel nicht übereinstimmt, macht es mich in gewisser Weise unzufrieden - und so kann ich die schöne Situation, wie sie gerade aktuell ist, nicht mehr in vollem Umfang genießen. Dass etwas ganz genau so abläuft wie ich es mir vorher vorgestellt habe, ist extrem unwahrscheinlich... also kann mich so eine Vorstellung nur unglücklich machen. Zumindest solange ich sie irgendwie als Ziel oder Wunsch ansehe, und nicht nur als realitätsunabhängige Gedankenspielerei.

Außerdem: es bringt mir nichts. Dadurch, dass ich ständig darüber nachdenke, erreiche ich so ein Ziel nicht schneller oder wahrscheinlicher. Ob und wann sie mir gerne näherkommen möchte, liegt in ihrer Entscheidung. Und da habe ich sowieso keinen Einfluss darauf - erst recht nicht, indem ich plane, meine Worte abwäge, und ständig am Interpretieren bin. Das lässt mich sogar, im Gegenteil, allgemein eher weniger anziehend wirken als wenn ich spontan und wirklich in der Gegenwart bin.

Das heißt nicht, dass ich gar keine Schritte mehr auf andere Menschen zu machen will. Oder dass ich nicht mehr signalisieren könnte "Es fühlt sich gut an in deiner Nähe zu sein, und wenn du mir jetzt gerade noch näher kommen möchtest, dann will ich mich da gerne drauf einlassen". Aber sowas soll eben dann nur passieren, weil es sich im aktuellen Moment richtig anfühlt - und nicht aus einem übergeordneten Plan heraus.

Meine bisherige Erfahrung zeigt mir deutlich: immer dann, wenn ich bei der Interaktion mit einem Menschen gar kein Ziel im Kopf hatte, sondern eher den Gedanken "ich hab keine Ahnung was jetzt passieren wird, und will mir das auch gar nicht vorher überlegen, ich lass mich einfach überraschen. So lange ich mich wohlfühle ist alles ok." - dann konnte ich die Situation, so wie sie war (solange sie denn schön war) viel mehr genießen. Dieser Spontanität und Ziellosigkeit verdanke ich alle ganz besonders schönen Begegnungen der letzten paar Monate. Nichts geplantes und gezielt angesteuertes war so schön wie das, was sich einfach aus der Situation ergeben hat.

Also will ich versuchen, im Bezug auf bestimmte Menschen keine Ziele mehr zu haben. Nicht darüber nachzudenken, sondern mich nur davon leiten zu lassen, was sich im aktuellen Moment richtig anfühlt. Das ist gar nicht so einfach - vor allem die Ziele, die schonmal da waren, aus meinem Kopf wieder rauszuwerfen. Aber ich werde mein Bestes tun um sie loszuwerden, weil ich weiß, dass ich ohne sie viel glücklicher sein werde. Und auch den Menschen um mich herum gut tun kann, weil ich dann ruhiger und aufmerksamer bin.

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Kommentare:

  1. Hallo liebe Amelie, mich würde sehr dein Weg interresieren, den du gehst, um diese Ziele wieder aus deinem Kopf zu bekommen. An derselben Stelle befinde ich mich nämlich auch gerade...:) liebe Grüße, Greta

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    1. Hallo Greta,

      ich habe dafür leider auch kein Patentrezept. Und mir ist das ja eben erst aufgefallen, also muss ich selber noch sehen, wie ich das am besten hinkriege.
      Der erste Schritt bei mir ist: jedes Mal, wenn ich so einen Ziel-Gedanken bemerke, innerlich Stop zu sagen. Und mir das vorzusagen, was ich eigentlich gerade denken will: "Ich möchte mich jetzt auf diesen Moment einlassen, ohne zu überlegen was daraus werden wird. Fühle ich mich in dieser Situation gerade wohl? Dann brauche ich keine Richtung erzwingen, sondern einfach mal schauen. Die schönsten Momente sind bisher immer dann passiert, wenn ich das so gemacht habe. Also mach ich es auch weiter so."

      Und wenn ich mir gerade nicht sicher bin, warum ich so handle wie ich handle, dann zu überlegen "würde ich das gerade auch so machen, wenn ich wüsste, dass ich [hier Ziel einfügen] sowieso nicht erreichen könnte?" Wenn ich es dann anders machen würde, sollte ich auch jetzt anders handeln.

      Wenn dir noch eine gute Strategie einfällt, dann schreib mir auch gerne nochmal :) Ich glaube, das aus-dem-Kopf-bekommen ist wirklich der schwierigste Teil. Aber wir können das schaffen :)

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    2. Ich würde sogar an der Stelle gar nicht gleich "Stop" sagen, sondern erst mal nur "Aha - das denke ich also gerade". Wenn du einen Gedanken gleich abwehrst, verzieht er sich schnell in den Untergrund & agiert von dort aus weiter. Deshalb ihn besser so stehen lassen wie er ist & weiterziehen. Und vor allem dir klar machen, dass du Alternativen hast, dass dieser Gedanke eben nicht der einzig mögliche, sondern einer von vielen ist.

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    3. Hallo ihr Zwei, ja das sind auch meine Gedanken dazu. Meinen Geist zu beobachten und meine Gedanken auch aktiv zu unterbrechen, wenn ich merke, dass ich in einen NegativStrudel gerate. Bzw. Gedanken zuzulassen, wenn sie kommen, aber sie auch wieder davonziehen zu lassen und sich nicht daran festklammern.
      Ich glaube, wenn man sehr aufmerksam ist und versucht, zu verstehen, woher die Gedanken kommen, kann man sie einfacher ziehen lassen. Dagegen aktiv anzukaempfen halte ich auch nicht fuer die richtige Loesung, da bin ich Timos Meinung.
      Aber wie du schon sagst: Wir koennen das schaffen. Und der Glaube an sich selbst, ist vermutlich die wichtigeste Zutat auf unserem Weg.
      Noch viele gute Gedanken wuensche ich!
      Lieben Gruss
      Greta

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    4. Hallo Timo,

      das klingt sehr einleuchtend, danke für die Ergänzung! Das ist sicher ähnlich wie bei anderen Gefühlen/Gedanken, zum Beispiel Einfersucht: Verdrängen und Unterdrücken macht sie auf Dauer nur schlimmer, aber wenn ich sie zulasse und mich damit auseinandersetze, verliert sie ihren Schrecken. Also nicht "Stop" und wegdrängen, sondern "Stop, halt an und betrachte was du gerade denkst und fühlst - wo kommt das her und macht das wirklich Sinn?" Einfach nur "Stop" in meiner ersten Antwort war wirklich etwas missverständlich.
      :)

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  2. Vielen Dank für den Text! <3

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