Freitag, 18. Juli 2014

Verbindlichkeit und die lieblose Gesellschaft

In meiner Umgebung tauchte in letzter Zeit immer wieder das Wort "Verbindlichkeit" auf. Meistens in einem negativen Zusammenhang zu meinem beziehungsanarchistischen Leben:
"Du willst dich ja nur vor Verbindlichkeit drücken."
"Das wäre ja nichts für mich, ich brauche in Beziehungen mehr Verbindlichkeit."
"Kann man ohne Labels überhaupt genug Verbindlichkeit aufbauen?"
Und ich merkte, dass mich das irgendwie ärgert. Immer dieser Vorwurf, der da drin steckt: "Du willst nicht verbindlich sein, das ist egoistisch und lieblos von dir". Also ging ich der Sache mal auf den Grund und überlegte: finde ich denn Verbindlichkeit nun eigentlich gut oder schlecht? Und dabei merkte ich, ich weiß gar nicht so genau, was damit eigentlich gemeint ist.
Wenn man nachfragt, kommen dabei ganz unterschiedliche Sachen heraus.

Da gibt es welche, die sagen, Verbindlichkeit wäre wenn man 100% Priorität auf einen bestimmten Menschen legt. Derjenige hätte jederzeit das Vorrecht auf meine Aufmerksamkeit und Hilfe, vor allen anderen.
Das finde ich tatsächlich nicht gut. Ich bin kein lebloser Gegenstand, den man besitzen kann und immer dann herausholen, wenn man ihn gerade braucht... Und vor allem soll niemand das Vorrecht haben, mich gegen meinen eigenen Willen von irgendwem anders wegzuholen.

Es gibt auch die, die mir vorwerfen, mich "nicht festlegen zu wollen". Auf Dinge, die in meinen Augen einfach völlig unrealistisch sind. Sowas wie:
"Wir bleiben das ganze Leben lang zusammen."
"Ich werde auch in X Jahren noch für dich da sein wollen, komme was wolle."
"Ich werde dich immer lieben."
Das sind typische Erwartungen des weit verbreiteten Beziehungsrolltreppenmodells, und ich entgegne daraufhin gerne, dass ich (offenbar im Gegensatz zu denjenigen, die sowas sagen) nicht in die Zukunft sehen kann. Menschen verändern sich, Gefühle verändern sich, und ich weiß doch jetzt noch nicht, was ich in fünf Jahren wollen werde. Uns dann in einem Beziehungskonstrukt gefangen zu halten, in eine Form gepresst die nicht mehr passend ist, nur weil wir uns ja früher mal "festgelegt" haben - das erscheint mir als irrsinnig und tut niemandem gut. Wer das von mir verlangt, offenbart mir damit nur sein Verlangen nach einer ewig haltenden Versicherung gegen das Alleinsein - und diese Sicherheit kann man nunmal nicht von einem einzelnen Menschen garantiert bekommen. Zumindest nicht, ohne dass sich die*derjenige damit eventuell sehr unglücklich macht.

Das ist allerdings beides eher eine extreme Auslegung von Verbindlichkeit. Die meisten Menschen formulieren es deutlich moderater. Da kommt dann sowas wie:
"eindeutig klar machen, dass man in Beziehung ist"
"dass man sich um Klarheit bemüht: Wer bist du für mich? Was will ich von dir? Was du von mir? Worauf kann ich mich verlassen?"
"sich an Versprechen halten, und nur das versprechen was man auch halten kann/will"
"sich an Verabredungen halten"
"ein starkes Bemühen ausdrücken, dass man etwas bestimmtes tun will und sich daran messen lassen"
"ansprechbar sein, ehrlich und zuverlässig antworten"
"dass man ehrlich kommuniziert und es gut miteinander meint"
"füreinander da sein, auch wenn es mal unbequem oder anstrengend ist"
"auch schlimme Krankheiten mit mir aushalten, sich kümmern und bei mir bleiben und mich weiterlieben im Vertrauen darauf, dass ich wieder bessere Zeiten sehe"
"mir das Gefühl geben, dass ich gehalten werde und in dieser Verbindung gut aufgehoben bin"
"sich darauf verlassen können, dass die andere Person noch da ist, wenn man wiederkommt"
Und wenn ich darüber so nachdenke, muss ich eher feststellen: ich habe noch nie so im ganzen Ausmaß begriffen, dass viele Menschen sowas nur in einer festen, definierten Liebesbeziehung tun. Ich habe das nie als Merkmale einer festen Beziehung gesehen, für mich ist das einfach nur grundlegendes soziales Verhalten. Genauso wie ich nicht extra mit Worten klarmachen muss, mit jemandem "in Beziehung"zu sein, weil ich das logischerweise mit allen bin, die ich kenne - genauso ist für mich sowas wie Ehrlichkeit, (daraus logisch folgend) Zuverlässigkeit und Hilfsbereitschaft einfach eine Selbstverständlichkeit. Dieses Verhalten muss man sich von mir nicht erst durch irgendeinen Beziehungsstatus verdienen - höchstens durch respektvolles Verhalten.

Dabei muss ich an einen alten Artikel von momo denken. Einer meiner liebsten Artikel von ihm, der (auch ohne das Wort zu verwenden) eine wichtige Grundlage der Beziehungsanarchie beschreibt. Momo sagt da: "Wie liebevoll kann eine Gesellschaft sein, in der Liebe, Geborgenheit und Zärtlichkeit auf einen Menschen beschränkt sein sollen?" und "aus der Monogamie folgt die soziale Kälte. Selbst für jene, die vielleicht eine Zweierbeziehung eingegangen sind, denn auch sie sind betroffen von der allgegenwärtigen Distanz allen anderen Menschen gegenüber."
Und wenn ich mir die Verbindlichkeitsdebatte anschaue, sehe ich: Nicht nur mit Zärtlichkeit scheint es so zu sein, auch Dinge wie Ehrlichkeit und Hilfsbereitschaft gibt es anscheinend nur für ganz wenige, ausgewählte Menschen? Ganz schön traurig.

Als Entgegnung auf die Vorwürfe von oben kann ich nun also sagen:

Ja, es ist tatsächlich so, dass Beziehungsanarchie darauf abzielt, dass ich niemandem aufgrund eines "Partner"-Status eine besondere Verbindlichkeit entgegenbringe. Also diese "100% Priorität für alle Ewigkeit"-Verbindlichkeit, die gibt es bei mir nicht. Man könnte also denken, dann gäbe es bei mir ja noch weniger Verbindlichkeit als allgemein, weil ich die nichtmal mehr in einer einzigen Beziehungsform haben will...
Das stimmt aber nicht, denn ich gehe den gegenteiligen Weg: ALLE Menschen bekommen von mir die gleiche Verbindlichkeit, die es bei vielen anderen nur in einer "festen Beziehung" gibt. Wären alle Menschen Beziehungsanarchisten, dann gäbe es also von diesen Werten sehr viel mehr auf der Welt - und nicht weniger.

Ich hoffe einfach darauf, dass wir, die wir unsere Liebe nicht auf einen oder wenige Menschen beschränken, immer mehr werden - für eine schönere, sozialere Welt.

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Kommentare:

  1. Ich sehe wie aus Ehrlichkeit Zuverlässigkeit folgt, aber ich verstehe nicht, wie du Hilfsbereitschaft aus Ehrlichkeit folgern kannst. Das eine kommt problemlos ohne das jeweils andere aus.

    Meine Meinung, warum Menschen diese Verbindlichkeit erst in "Beziehungen" zeigen ist, dass mit Verbindlichkeit Verletztlichkeit kommt. Um nicht beliebigen Menschen Werkzeuge in die Hand zu geben, mit denen sie einen verletzen können, halten sich eben viele Menschen damit zurück, solange sie nicht einschätzen können, wie sich die andere Person verhalten würde. Eine "Beziehung" könnte man in diesem Kontext dann definieren als eine Umgebung, in der man diese Gefahr ausdrücklich (wörtlich gemeint, "Ich vertraue dir") nicht sieht.

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    1. Ich folgere Hilfsbereitschaft nicht aus Ehrlichkeit - der Satz ist wohl etwas missverständlich formuliert: die Klammer bezog sich nur auf die Zuverlässigkeit. Aber auch Hilfsbereitschaft ist für mich eben nichts exklusives, sondern etwas, was ich zunächst mal jedem Menschen entgegenbringe, der mich respektvoll behandelt. So weit, wie es meine Kapazitäten gerade zulassen.

      Das mit der Verletzlichkeit ist ein interessanter Aspekt. Das hat viel mit dem allgemeinen Menschenbild zu tun, denke ich. Ich kann nur so sein wie ich es beschreibe, wenn ich in alle Menschen (auch unbekannte) erstmal ein grundsätzliches Vertrauen habe, dass sie mir nicht schaden wollen. Das bewirkt tatsächlich eine gewisse Verletzlichkeit - allerdings haben meiner Meinung nach sowieso alle Menschen schon Werkzeige in der Hand, die mich verletzen könnten, da macht das Bisschen mehr kaum noch einen Unterschied. Und die Verletzlichkeit ist es mir wert, denn sonst könnte ich Nähe zu anderen Menschen (und damit ein Spektrum an starken Gefühlen, die für mich das Leben erst lebenswert machen) gar nicht zulassen. Wie ich schon einmal von ASP zitiert habe: "Nur wer sich öffnet für den Schmerz, lässt auch die Liebe mit hinein."

      Mein Idealbild ist eine Welt, in der ich tatsächlich immer jedem Menschen vertrauen kann. Das ist leider nicht wirklich so, aber ich habe zumindest den Eindruck, dass ein Vertrauensvorschuss viele Menschen auch dazu bringt, sich dessen als würdig erweisen zu wollen. Also hoffe ich, mit meinem Vertrauen in meine Umwelt die Welt ein Stückchen schöner zu machen.

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  2. Liebe Amelie, ich lese deinen Blog immer wieder gerne - deine Gedanken finde ich nachvollziehbar und inspirierend (zum Weiterdenken).

    Zur Verbindlichkeit, habe ich eine Frage an dich: Unternimmst du Dinge mit deinen Eltern und/oder Geschwistern (so du welche hast)? Würdest du - falls ja - dies auch tun, wenn diese Menschen nicht familiär mit dir verbandelt wären, nicht Teil deiner persönlichen Geschichte (und umgekehrt, würden sie...)?

    Andersrum gefragt: Welche Rolle spielen familiäre Strukturen, Normen und Werte in einer bezeihungsanarchistischen Lebenseinstellung?

    Bin gespannt auf deine Antwort,
    Stella

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