Donnerstag, 4. Dezember 2014

Verbindlichkeit vs. Vertrauen

Auf Facebook lese ich gerade eine interessante Diskussion über Verbindlichkeit. Dabei habe ich einen Denkanstoß gefunden, der mir eine bessere Einsicht über mich selber gegeben hat.

Ich wurde selbst ja auch schon öfter mit dem Vorwurf oder der Erwartung konfrontiert, ich solle meinen geliebten Menschen mehr Verbindlichkeit bieten (damit das eine "ernsthafte" Beziehung sein könne oder so).

Es wurde in besagter Diskussion festgestellt, dass wenn Verbindlichkeit gewünscht wird, oft eine Art Versprechen gemeint ist - eine ausformulierte Ankündigung einer bestimmten Absicht oder Verhaltensregel. Oft fühlt sich das komisch für mich an, weil ich denke: ehrlich, respekt- und liebevoll will ich doch sowieso sein, warum muss ich das extra ankündigen? Nun ist mir aufgefallen, warum mich dieser Gedanke so stört: er führt mir vor Augen, dass die Person, die nach einer ausformulierten Verbindlichkeit verlangt, nicht genug darauf vertraut, dass ich sowieso so handeln will.

Verbindlichkeit ist eine verbale Krücke, ein Ausgleich für mangelndes Vertrauen in meine wohlwollenden Absichten.

Und da es für mich und mein Selbstbild sehr wichtig ist, vertrauenswürdig zu sein (das sehe ich als eine meiner wichtigsten guten Charaktereigenschaften), tut es eben weh, wenn man mir so unter die Nase reibt, dass man mir nicht vertraut.
Natürlich kann das nicht-Vertrauen viele Gründe haben. Es kann zum Beispiel in schlechten Erfahrungen der Person mit anderen Leuten begründet sein. Oder in Selbstzweifeln. Oder einfach darin, dass wir uns eben noch kaum kennen.
Natürlich würde ich mir wünschen, dass alle Menschen so viel allgemeines Vertrauen in andere Menschen haben, dass fremde Leute erstmal standardmäßig einen Vertrauensvorschuss bekommen. Ich versuche, so auf die Welt zu blicken - wie gut es mir gelingt, kann ich schwer beurteilen. Aber ich kann mir das von Anderen nur wünschen und nicht verlangen. Und ich kann mir hoffentlich in Zukunft öfter bewusst machen, dass mangelndes Vertrauen oft gar nichts mit mir zu tun hat. Und dass das Thema Verbindlichkeit ein Signal ist, uns gegenseitig besser kennenzulernen - denn wenn wir beide unsere Ansichten zu einem bestimmten Bereich kennen, dann kann in diesem Bereich auch leichter ein Vertrauen entstehen, welches starre Verbindlichkeitskrücken überflüssig macht.

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Kommentare:

  1. Liebe Amelie, ich habe dir diese Frage am 01.10. schon mal gestellt und versuche mein Glück (auf eine Antwort) nun erneut ;o) :

    Zur Verbindlichkeit, habe ich eine Frage an dich: Unternimmst du Dinge mit deinen Eltern und/oder Geschwistern (so du welche hast)? Würdest du - falls ja - dies auch tun, wenn diese Menschen nicht familiär mit dir verbandelt wären, nicht Teil deiner persönlichen Geschichte (und umgekehrt, würden sie...)?

    Andersrum gefragt: Welche Rolle spielen familiäre Strukturen, Normen und Werte in einer bezeihungsanarchistischen Lebenseinstellung?

    Bin gespannt auf deine Antwort,
    Stella

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    1. Hallo Stella,

      da hatte ich doch glatt einen Kommentar übersehen, tut mir leid :(

      Das ist eine ziemlich allgemeine Frage und ich weiß gar nicht so recht, was ich dazu sagen soll. Vielleicht sollte ich nen eigenen Blogpost daraus machen?

      Ich sehe meine Eltern und Geschwister ca. einmal im Jahr. Wir wohnen relativ weit auseinander, und ich kann/will mir die weite Fahrt nicht so oft leisten.
      Wenn diese Leute nicht Teil meiner Geschichte wären, dann würde ich sie ja nicht kennen... also würde ich dann wahrscheinlich nichts mit ihnen unternehmen, außer durch Zufall.
      Wenn ich diese Menschen, so wie sie jetzt gerade sind, neu kennenlernen würde, dann hätte ich zumindest mit meinem ältesten Bruder auch so genügend Gemeinsamkeiten, um den Kontakt zu halten. Bei meinem Vater vielleicht auch noch. Bei den anderen Verwandten ist das weniger der Fall... wobei andererseits auch schon ein einziges kleines gemeinsames Interesse ausreichen kann, um Kontakt mit jemandem zu halten.
      Ob der Kontakt nun tatsächlich vor allem auf gemeinsamen Erlebnissen in der Vergangenheit (das ist ja auch was, was man miteinander teilt) basiert, oder ob es mehr die gesellschaftliche Konvention ist (auch ich bin ja nicht frei von solchen Prägungen, auch wenn ich manche aktiv loszuwerden versuche), die mir sagt, dass man seine Familie halt gern zu haben hat, so lange man nicht total zerstritten ist - keine Ahnung.

      Ich kann mir unter "familiären Werten" nichts Konkretes vorstellen, deswegen weiß ich nicht so recht, ob das nun deine Frage beantwortet... und verstehe auch noch nicht, wo da für dich der Zusammenhang zu Verbindlichkeit ist. Magst du das näher erläutern?

      Liebe Grüße,
      Amelie

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    4. Hallo Stella,

      hmm, ich kenne genug Leute, die mit ihren Verwandten keinen Kontakt mehr haben... so ganz universell ist das also doch nicht.

      Dem Zwangsaspekt (also dass von mir erwartet wird, ich müsse meine Verwandten lieben, nur weil sie meine Verwandten sind) stehe ich durchaus kritisch gegenüber. Meine Beziehung zu meiner Familie beruht doch eher auf dem, was wir an Erinnerungen und evtl. Interessen teilen - und nicht auf Genetik.

      Dass ich JEDEM Menschen mit dem GLEICHEN Respekt, Vertrauen und Liebe(?) begegne, wo habe ich das denn geschrieben?
      Das klingt nämlich nicht wie etwas, was ich wirklich gemeint habe.

      Außer vielleicht, du lässt die Liebe weg und schränkst "jedem" ein auf "jedem völlig fremden, den ich noch nicht kenne". Das erklärt sich dann so, weil Respekt für mich einfach ein ethischer Grundwert ist, und da gehört ein gewisses Vertrauen auch dazu - jemandem direkt ohne Grund vollständig zu misstrauen, fände ich respektlos.

      Also ich weiß nicht wo du da was von Gleichförmigkeit liest - meine Liebe (oder auch Antipathie) fühlt sich durchaus immer anders an, und jede Beziehung ist individuell und einzigartig. Beziehungsanarchie ist für mich sogar explizit die Abwendung von der gleichförmig-binären Logik, die im Allgemeinen noch so üblich ist. Ich habe also leider keine Ahnung, was du jetzt mit "belanglos" meinst... und hat "beliebig" nicht schon das "lieben" in sich als Wort, und meint eigentlich auch nichts anderes als "freiwillig"?

      Liebe Grüße,
      Amelie

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    1. Hallo Stella,

      leider hat die Technik meine gerade geschriebene Antwort gefressen :(
      Deswegen jetzt nur kurz: Ich denke, deine Frage/Befürchtung ist einen eigenen Blogpost wert, denn es ist nicht das erste Mal, dass ich mit diesem, meiner Meinung nach ziemlich absurden (sorry) Vorurteil konfrontiert bin.
      Glaubst du wirklich, irgendein Mensch wäre so launisch, dass ihrm aus einer Alltagslaune heraus eine geliebte Person von einem Moment auf den anderen völlig egal werden würde? Für mich riecht das nach Strohmann-Argument. Ich habe jedenfalls noch nie eine Verabredeung aus einer "Laune" heraus abgesagt, und eine Beziehung zu hinterfragen heißt gerade, dass ich in "Krisen" darauf eingehe, wie es uns Beteiligten persönlich gerade geht, und nicht darauf was uns irgendeine Norm vorschreibt.
      Zu meinem Wort stehen fällt für mich übrigens unter Ehrlichkeit, also einer der wichtigsten Grundwerte überhaupt :) Ich gebe nur nicht mein Wort auf Dinge, die ich gar nicht wissen kann, sondern versuche, da möglichst realistisch zu sein.

      Willkürlich und beliebig erscheint mir eher die Unterscheidung, die so oft zwischen "Partner" und "nur Freund" gemacht wird, anstatt sich auf die Einzigartigkeit jeder einzelnen Beziehung einzulassen. Verbunden fühlen ist für mich die Regel im zwischenmenschlichen Umgang, für manche scheint das aber offenbar eher eine Ausnahme zu sein. Woher sonst kommt so ein Vorurteil?

      Alles Liebe,
      Amelie

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