Mittwoch, 11. März 2015

Sprachbarrieren


Foto von einem bunten Papagei mit dem Text "Ist dieser Vogel schwarz oder weiß?"
(Bild: pixabay)

Stell dir vor, du läufst in deiner Heimatstadt umher. Eine Gruppe Touristen kommt auf dich zu und fragt dich, wo ihr euch gerade befindet. Sie halten dir einen Stadtplan unter die Nase, auf dem du ihnen eure Position zeigen sollst. Es ist der Plan einer anderen Stadt.

Du würdest sie darauf hinweisen, dass der Plan hier unbrauchbar ist, nehme ich an?
Nun stell dir vor, du bist von ganz vielen dieser Leute umgeben. Und sie sind empört darüber, dass du ihnen unterstellst, den falschen Stadtplan dabei zu haben. Aber du kannst ihnen auf der Karte von Berlin eben nicht zeigen, wo der Kölner Dom steht. Egal, wie sehr du dich bemühst. Richtig?


Willkommen in meiner Welt!

Wenn ich mit Freunden, die selbst keine Beziehungsanarchisten sind, über andere Menschen in meinem Leben rede, dann muss ich oft Fragen beantworten. Fragen, die alle kennen. Übliche Fragen. Sowas wie "also hast du jetzt was mit der?" oder "seid ihr zusammen?" oder "läuft da was zwischen ihm und dir?"...
Fragen, auf die es in der mononormativen (bzw. der Paar-normativen, denn das gilt auch für viele polyamore Menschen) Gesellschaft einfache Antworten gibt. Sowas wie "ja" oder "nein". Es steckt keine böse Absicht hinter diesen Fragen. Und sie sind ja ganz leicht zu beantworten. Glauben sie.

Wenn ich so eine Frage höre, stürzt sie mich jedes Mal in einen Zwiespalt. Oder sogar zwei.

Die erste Schwierigkeit ist: ich muss dann überlegen, wie wichtig mir der fragende Mensch jetzt ist und wahrscheinlich in Zukuft sein wird. Denn die einfachste Möglichkeit ist eben, mit "ja" oder "nein" zu antworten - aber es fühlt sich für mich an wie Lügen, denn ich kann, so lange ich in dieser paarnormativen Gesellschaft lebe, davon ausgehen dass die andere Person viele falsche Annahmen im Kopf haben wird, wenn ich einfach nur "ja" oder "nein" sage. Und diese falschen Annahmen nehme ich nur dann in Kauf, wenn die Person eh unwichtig für mein Leben ist. Oder vielleicht wenn ich sehr müde/gestresst o.ä. bin und keine Kraft für eine bessere Erklärung habe (wobei ich dann bei wichtigen Leuten wohl auch eher sagen würde "erklär ich dir später").
Und das ist schwierig - denn ich kann ja oft nicht vorhersehen, ob ein Mensch, den ich gerade neu kennenlerne, mir später mal so nahe sein wird, dass ich ihm dann sagen wollen werde "ich hab dich übrigens damals angelogen, das ist nämlich eigentlich so: ...". Kein guter Start für eine Freundschaft, möchte ich also gerne vermeiden. Und ich finde es sowieso sehr unangenehm, wenn ich gezwungen bin, die Menschen so schnell in eine Schublade zu stecken. Ich möchte gerne zu allen ehrlich sein können, und nicht nur zu ausgewählten "wichtigen" Leuten. Aber leider ist das mit der Ehrlichkeit in diesem Fall nicht so einfach.

Selbst wenn ich davon ausgehe, dass die Person wichtig genug ist, um eine wirklich zutreffende Antwort zu bekommen, dann kommt die nächste Schwierigkeit ins Spiel:

Wir sprechen unterschiedliche Sprachen.
In ihrer Sprache sind diese Fragen einfach, weil das, nach dem sie fragen, klar definierte Grenzen hat. Für die Bewohner der binären Beziehungswelt sind diese Fragen nie schwer zu beantworten. Bei ihnen gibt es nur ja oder nein. Schwarz oder weiß. Vielleicht noch grau, aber nur als vorübergehender Übergangszustand, bei dem man zumindest angeben kann, in welche Richtung er geht.
In meiner eigenen Sprache, die mein Leben und meine Gefühle beschreibt, gibt es kein binäres ja und nein zu diesen Fragen. Es gibt nicht zwei mögliche Antworten mit viel Abstand und einer schmalen Straße dazwischen. Sondern ein breites, mehrdimensionales  Spektrum mit vielen bunten Farbverläufen. Da kommen schwarz und weiß auch drin vor, irgendwo am Rand. Aber sie sind eben nur ein ganz kleiner Teil davon. Und dieses bunte Spektrum enthält keine natürliche Grenze, die klar erkennen lässt, welcher Teil davon in der paarnormativen Sprache mit "schwarz" zu übersetzen wäre und welcher mit "weiß". Einen Teil der Farben gibt es in ihrer Welt einfach gar nicht, sie haben keine Entsprechung in ihrer Sprache. Und manche Farben würden sie zu schwarz oder weiß dazuzählen, während sie für mich eindeutig bunt aussehen.

Bisher bin ich meistens so damit umgegangen, dass ich versucht habe, in der Sprache der Fragenden zu antworten. Damit ich das mit dem Übersetzen zumindest halbwegs zutreffend hinkriege, habe ich nachgefragt "was meinst du damit?"... dann bekam ich, meist begeleitet von genervtem Augenrollen, irgendwelche willkürlichen Abgrenzungskriterien geliefert, die zumindest wenn man nicht allzu genau hinschaut, die Übersetzung etwas erleichtern. Zusammen mit meiner eigenen Kenntnis ihrer Sprache (ich habe sie ja immerhin über 20 Jahre lang selbst gesprochen - was nichts daran ändert dass sie keine Worte für das hat, was ich aktuell fühle und erlebe) konnte ich mir dann irgendwas mehr schlecht als recht zurechtlegen. Und dann habe ich ihnen "schwarz" oder "weiß" geantwortet für etwas, was in meiner Welt z.B. grün-blau gestreift mit roten Punkten ist.
Um ihnen klar zu machen, dass diese Übersetzung für mich ziemlich unzutreffend erscheint, habe ich eine Erklärung dazu geliefert. Um mir dann von ihnen anhören zu müssen, dass ich ja so hart über ihre Sprache urteilen würde.
Mir wird dann oft unterstellt, ich würde mich anstellen, pingelig sein oder gar mich für "was Besseres" halten und missionieren wollen.

Ich bin es leid... ich möchte einfach gerne meine eigene Sprache sprechen können. Ich möchte nicht verbergen, dass ich anders bin - aber ohne, dass das direkt als Angriff gesehen wird auf sie und ihre Beziehungen.
Manchmal will ich ein Angriff sein. Nicht auf sie als Personen, und auch nicht auf ihre bevorzugte Beziehungsform, sondern auf die Selbstverständlichkeit, mit der sie davon ausgehende Annahmen auf alle anderen Menschen übertragen. Weil mich diese Selbstverständlichkeit ankotzt - sie macht mir das Leben schwer und setzt mich ständig unter der Druck, mich rechtfertigen zu müssen, und unter die Annahme dass mit mir etwas nicht stimme. Wer in einer scheinbar schwarzweißen Welt von bunten Farben spricht, wird für verrückt erklärt... ist es da ein Wunder, dass ich mir wünsche, sie würden meine Sprache sprechen und diese Farben auch sehen?

Aber gleichzeitig will ich auch kein Angriff sein - weil Angriffe vielleicht wehtun, und ich meinen Freunden nicht wehtun möchte.

Und ich weiß nicht, wie ich diese beiden Wünsche miteinander vereinen kann. Anders sein ist anstrengend - und ich kann es anscheinend nur leichter für mich machen, indem ich das "Normal"sein für mein Umfeld anstrengender mache (eben von ihnen verlange, dass sie versuchen meine Sprache zu lernen anstatt immer nur ihre eigene zu benutzen). Das erscheint mir zwar fair (warum sollte nur ich immer in der Position sein, die sich mehr anstrengen muss?), aber gleichzeitig fordere ich damit etwas von meinem Umfeld, was sie vielleicht von mir entfernt, weil es unangenehm ist - und das macht mir Angst. Denn es konfrontiert mich (und Andere) mit der Frage, ob ich wertvoll genug bin, dass man sich für mich anstrengt. Und da kommen doch ziemlich viele Selbstzweifel bei mir zu Tage - denen sich diejenigen, die mit der weit verbreiteten paarnormativen Sprache gut zurechtkommen, nie stellen müssen.

Ich glaube, so fühlt sich strukturelle Diskriminierung an. Niemand von den schwarzweißsehenden Fragern hat persönlich etwas gegen mich. Sie sind meine Freunde, Familie, und so weiter... Aber trotzdem sind sie Teil einer Struktur, in der sie als normal zählen und ich auf der schwierigen Außenseiterposition stehe. Und viele von ihnen verstehen nicht, dass sie einen unfairen Vorteil dadurch haben, dass ihre Sprache von fast allen verstanden wird, während ich mich ständig erklären und rechtfertigen muss, oder zwangsweise missverstanden werde.

Und jetzt genug mit den hinkenden Vergleichen. Ich denke, es ist irgendwie rübergekommen, worum es mir geht. Vielleicht geht es ja auch noch Anderen so? Lasst mir einen Kommentar da - egal welche Sprache ihr sprecht, welchen Stadtplan ihr haltet oder welche Farben ihr seht... ich freue mich darauf, mit euch die paarnormative Selbstverständlichkeit zu dekonstruieren :)


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Kommentare:

  1. So ganz verstehe ich das Problem nicht. Man kann das meistens doch recht kurz auch in herkömmlicher Sprache erklären. Ein paar Beispiele:

    "Wir mögen uns und gehen ab und zu zusammen ins Bett, aber sehen uns nich so oft."

    "Ich liebe Sie, aber ich liebe auch noch andere."

    "Ich fühle mich wohl in seiner Nähe."

    "Wir kennen uns schon ewig und alle paar Jahre haben wir mal sowas wie ne Affäre."

    "Da gehts nur um Sex."

    "Wir leben zusammen, aber haben schon lange getrennte Schlafzimmer."

    usw. usf. klar. es ist mehr nötig als ein einzelnes Schubladenwort, aber mit 1-2 Sätzen kann man das soch trotzdem meistens gánz gut erklären, oder?

    Womit ich nich sagen will, dass es diese strukturelle Diskriminierung nicht gäbe, aber ich glaube sie funktioniert eher auf der Ebene des moralischen Bias. Man ist so tendenziell immer der Arsch, wenn es zu Konflikten kommt.

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  2. Facebook hat in den Items zum Beziehungsstatus die Antwort: "Es ist kompliziert..." :-)

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