Freitag, 8. Mai 2015

Ich bin asexuell

Wie schon in einem anderen Artikel angedeutet, habe ich mich in letzter Zeit viel mit dem Thema Asexualität beschäftigt. So wie das bei mir üblich ist, wenn ich ein neues Thema habe, was mich beschäftigt: ich habe Videos geschaut, Blogs gelesen, Social Network-Seiten und -Gruppen dazu besucht.

Dabei ist mir auch die Information über den Weg gelaufen, dass heute eine Art Aktionstag ist, an dem etwas für mehr Sichtbarkeit (eines der Haupt-Anliegen der asexuellen Community) getan werden soll.

Zu Ehren des Asexual Visibility Day gibt es darum heute eine Spielkarte von mir:

Foto: Ein Stapel Spielkarten mit der Rückseite nach oben. Die unterste Karte ist umgedreht und schaut heraus, so dass sie als Kreuz-As zu erkennen ist.
(Bild: pixabay)

Und hier findet ihr die Erklärung zu der Karten-Aktion.

Wer insgesamt noch nie etwas von Asexualität gehört hat - lest euch mal durch, was das eigentlich ist.

Eine Kurzfassung von mir: Asexuell ist eine sexuelle Orientierung (also sowas wie hetero-, homo-, bi/pansexuell). Asexuelle Menschen empfinden keine sexuelle Anziehung zu anderen Menschen, egal welchen Geschlechts. Andere Formen der Anziehung, z.B. romantische/ästhetische/sinnliche Anziehung funktionieren separat davon - entgegen der landläufigen Meinung, dass das alles eine Einheit wäre. Genauso wie es hetero-, homo-, bi/pan- und aromantische Asexuelle gibt, gibt es z.B. auch homoromantische Bisexuelle oder eben alle anderen denkbaren Kombinationen aus romantischer und sexueller Orientierung. Nimmt man noch weitere Formen der Anziehung hinzu, wird die Vielfalt noch größer. Das würde jetzt aber zu weit führen, da schreibe ich lieber mal einen eigenen Text dazu.

Was meine persönliche Beziehung zu dem Thema angeht, muss ich etwas weiter ausholen:

Wer den Rest meines Blogs gelesen hat, weiß, dass ich noch nie viel Sex hatte. Lange Zeit konnte ich es wegen chronischer Schmerzen nicht. Damals habe ich sehr darunter gelitten, keinen Sex (bzw. keine Penetration, Oralsex ging noch) haben zu können. Aber nicht, weil ich ein direktes Verlangen danach gehabt hätte - sondern weil es in meinem Weltbild einfach zum Erwachsensein und in-intimer-Beziehung-Sein dazugehört hat. Und ich fühlte mich dann wie "keine richtige Frau", wie kaputt, weil ich diesen wichtigen Teil eben nicht bieten konnte für meine damaligen Partner.

Dass es Asexualität gibt, hatte ich damals auch schon gehört - habe das aber nicht mit mir selbst in Verbindung gebracht. Denn ich empfinde (oft und viel) sinnliche Anziehung für andere Menschen, und die ist der sexuellen Anziehung ähnlich genug, dass ich sie damals nicht auseinanderhalten konnte - die gesellschaftlichen Normen wollten mir ja immer weismachen, das es das Eine eh nicht ohne das Andere gibt.
Außerdem dachte ich "wenn es nicht wehtun würde, hätte ich bestimmt Lust darauf".

Im Nachhinein fallen mir öfter mal Dinge aus der Erinnerung auf, wo ich mich frage, warum ich das früher nicht als Hinweis gesehen habe. Ich glaube, ich brauche zuerst ein Wort/Konzept, was meine neue Identität beschreibt und mich das hinterfragen lässt, was vorher als normal galt - erst dann kann ich die Hinweise aus der Vergangenheit auch als solche erkennen. Und genauso wie meine Tagträume von polyamoren Gemeinschaften, die ich auch in meiner Jugend schon hatte, erst dann ins Gesamtbild passten, als ich mich über Polyamorie informiert hatte, so fallen mir jetzt Dinge auf, die ins Bild von Asexualität passen:

Bevor ich mit meinen damaligen Partnern (also Daniel und Rafael) jeweils zum ersten Mal Sex hatte, habe ich beide Male eine bestimmte Angst gespürt. Ich habe sie mit verschiedenen Vergleichen beschrieben, die vom System her der Berührungsrolltreppe entsprechen - schon damals habe ich gespürt, dass ich mich von dieser "Rangfolge" der körperlichen Intimität irgendwie bedroht fühlte. Ich habe z.B. von einer Treppe gesprochen, und davon dass ich Angst habe, dass wenn wir einmal ganz oben waren und die oberste Stufe kennengelernt haben, mein Partner die vorletzte Stufe nicht mehr als schön genug empfindet und jedes Mal ganz nach oben will - auch dann, wenn ich in einem Moment mal lieber nur die halbe Treppe hochgehen will.

In meiner polyamoren Anfangszeit habe ich dann immer mal wieder neue Leute kennengelernt, die ich körperlich anziehend fand - und wenn das erwidert wurde, sind wir auch im Bett gelandet und haben das gemacht, was bei mir an sexuellen Dingen so möglich war. Und ich habe regelmäßig Mitleids- und Entsetzensbekundungen darüber gehört, dass ich keinen "richtigen Sex" haben konnte. Mich hat das aber eigentlich gar nicht mehr so sehr gestört. Ich habe das auf Gewöhnung geschoben und gedacht "ich hab mir meinen Sexualtrieb abtrainiert". Dass sowas bei vielen Anderen gar nicht gehen würde, ist mir nie aufgefallen.

Meist habe entweder ich oder die Anderen allerdings recht schnell das Interesse verloren - diese sexuellen Begegnungen sind nie zur Regelmäßigkeit geworden.

Als ich Kilian kennengelernt habe - mit dem ich mich auf sinnlicher Ebene sofort sehr harmonisch und verbunden gefühlt habe - hat es dann auf einmal geklappt mit dem "richtigen" Sex. Es tat nicht mehr weh, und fühlte sich gut an. Nah, intim, sinnlich...
Aber im Laufe der Zeit hatte ich immer seltener Lust. Während anfangs schon eine einzige richtige Berührung ausreichte, um mich genug zu erregen, wurde das immer schwieriger. Und Kilian wurde traurig und vermisste den vielen Sex, den wir zu Anfang hatten. Ich fing wieder an, ein schlechtes Gewissen zu haben und mich wie "kaputt" und "keine richtige Frau" zu fühlen. Der Kontrast zu einer Freundin, mit der wir beide öfter gemeinsam unterwegs waren und die oft von ihrem starken Sexualtrieb erzählte, machte das Gefühl noch krasser.

Dann kam es dazu, dass ich mal wieder eine starke sinnliche Anziehung für eine neue Freundin entdeckte - und mich fragen musste, warum sich das so ähnlich wie sexuell anfühlt, aber irgendwie halt doch anders. In dieser Stimmung bin ich dann auf irgendwelche Artikel aus asexuellen Blogs gestoßen. Die laufen mir immer mal wieder über den Weg, weil dort z.B. etwas über Beziehungsanarchie geschrieben wurde. Und in dem Moment hat es wohl gepasst, weil ich eh gerade über verschiedene Arten von Anziehung nachdachte - und ich bin hängen geblieben. Habe einen Artikel und ein Video nach dem Anderen verschlungen, und mich immer mehr verstanden gefühlt.

Ich bin mir immer noch nicht sicher, ob ich nun komplett asexuell bin, oder eher grey-ace (die englischen Worte gefallen mir da oft irgendwie besser als die deutschen). Und was die romantische Orientierung angeht, verstehe ich noch gar nicht so wirklich, was denn nun überhaupt damit gemeint ist. Deshalb auch oben das Kreuz As, was in der #AceDay-Kampagne für "questioning" steht.
Aber ich bin mir schon sicher genug, dass ich sagen kann: Ich bin auf jeden Fall irgendwo im asexuellen Spektrum. Und von anderen Asexuellen zu lesen und zu hören, gibt mir wieder das Gefühl, ok zu sein so wie ich bin, und nicht irgendwie "kaputt". Ein Hoch auf die Community!

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