Freitag, 25. September 2015

In der Grauzone

Ganz früher habe ich nicht darüber nachgedacht, was der Unterschied zwischen sinnlich und sexuell ist.
Dann habe ich mal versucht, Sexualität irgendwie zu definieren und bin zu dem Schluss gekommen, dass sie zu nicht-binär ist um sich wirklich abgrenzen zu lassen.

Dann, vor einigen Monaten, habe ich mich viel damit beschäftigt, und der Unterschied wurde wichtig. Und ich habe eine Definition gefunden - oder eher erfunden, denn sie ist letztendlich auch nur völlig willkürlich.
Aber ich brauchte sie, damit ein Begriff wie Asexualität überhaupt Sinn ergibt.

Und nun habe ich schon so oft anderen Menschen erklärt, was Asexualität bedeutet. Habe so oft sexuelle Anziehung versucht zu beschreiben. Und es fühlt sich immer mehr an wie eine völlig willkürliche Festlegung einer Grenze, die keinen natürlichen Grund hat, genau an dieser Stelle zu sein.

Bei den Beziehungs-Kategorien ist es noch unklarer, das sage ich ja schon recht lange: da kann ich meistens gar nicht erkennen, ob etwas nun "Partnerschaft" heißen sollte oder nicht. Oft noch nichtmal tendenziell, weil es so viele sich wiedersprechende Definitionen und so viele Gegenbeispiele gibt... deswegen bin ich so froh, dass ich es als Beziehungsanarchistin nicht mehr voneinander abgrenzen muss. Denn es ist eben nicht schwarz oder weiß, sondern quietschbunt und vieldimensional.

Bei den Kategorien der emotionalen Anziehung (romantisch vs. freundschaftlich) ist es zwar etwas weniger chaotisch, aber immer noch weit entfernt von binär... ich kann zwar tendenziell schätzen ob etwas mehr oder weniger in Richtung romantisch geht als etwas Anderes, aber eine Grenze zu ziehen, die ohne einen Vergleichswert besagt, welcher Anteil des Spektrums als "romantisch" zählt und welcher nicht - dazu fühle ich mich auch nicht in der Lage. Um bei dem Bild mit den Farben zu bleiben: es ist ein Verlauf von schwarz nach weiß, in dessen Grau so einige Schlieren und Wirbel sind, als hätte dort jemand umgerührt. Und da sind auch immer wieder bunte Flecken dazwischen, die nichtmal mehr als grau zählen.

Nun hatte ich die Kategorien der körperlichen Berührung und ihrer entsprechenden Anziehung (sinnlich und sexuell) irgendwie halbwegs ordentlich auseinander sortiert. So dass jede davon eine in sich zusammenpassende Gruppe bildet - die schwarzen und dunkelgrauen Punkte in die eine Schublade, die weißen und hellgrauen in die Andere... aber wenn ich nun die hellsten aus der dunkelgrauen Kiste in die Hand nehme, und dazu die dunkelsten aus der hellgrauen Kiste, dann sehen die sich auf einmal so ähnlich, dass ich gar nicht mehr weiß, welche nun wohin gehören. Und fange an, wieder an dem Sinn dieser Aufteilung zu zweifeln. Die Grenze kommt mir wieder beliebig vor, denn eigentlich ist der Übergang fließend, und auch dieser Grau-Verlauf hat beim näheren Hinsehen einige Schlieren und bunte Flecken.

Ich weiß immer noch, dass meine Art, andere Menschen zu begehren, recht weit vom (angeblichen) Durchschnitt abweicht. Ich weiß immer noch, dass ich fast nie zielstrebig an das sexuelle Ende dieses Spektrums gehe, während das für viele Andere ganz normal ist. Ich weiß immer noch, dass ich der Asexuellen-Community sehr dankbar bin, dass sie mir gezeigt hat, dass es ok ist, so zu sein wie ich bin, und dass ich nicht kaputt bin.
Aber wie soll ich mich als asexuell definieren können, wenn ich gar keine Grenze zwischen sexueller und sinnlicher Anziehung ziehen kann?
Ich kann sagen, dass meine Anziehung meist nicht das komplette Spektrum abdeckt, sondern einen Teil am sexuellen Ende freilässt. Der ist aber nicht immer gleich groß, und der Rand ist auch meist nicht glatt, sondern ziemlich wirr geformt. Und manchmal auch noch dehnbar.

Ich schätze, das ist wohl einer der Fälle, für die das Wort "grey-asexual" erfunden wurde.


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